Freitag, 11. Juni 2010

Das Ideal

Ja, das möchte ich:
Eine Villa im Grünen mit grosser Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstrasse;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn -
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.

Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

Neun Zimmer - nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süsse Frau voller Rasse und Verve -
(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) -
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.

Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad - alles lenkste
natürlich selber - das wär ja gelacht!
Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.

Ja, und das hab ich ganz vergessen:
Prima Küche - erstes Essen -
alte Weine aus schönem Pokal -
und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
Und noch ne Million und noch ne Million.
Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.

Ja, das möchste!

Aber, wie das so ist hienieden:
manchmal scheints so, als sei es beschieden
nur pöapö, das irdische Glück.
Immer fehlt dir irgendein Stück.
Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
hast du die Frau, dann fehln dir Moneten -
hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

Etwas ist immer.
Tröste dich.

Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Dass einer alles hat:
das ist selten.

1927

Kurt Tucholsky (1890 - 1935)

2 Kommentare:

Gabaretha hat gesagt…

Liebe Brigitte,
ein tolles Gedicht.
Danke sehr, für den Schmunzler und das unwillkürliche Nicken, das ich beim Lesen erleben durfte.
Ich wünsche Dir ein wundervoll sonniges und (ent-)spannendes Wochenende und natürlich, dass sich Dein Ideal so optimal wie irgend möglich erfüllt ;-)
Sonnige Grüße,
besser und besser,
Gaba

Brigitte hat gesagt…

Liebe Gaba
Gern geschehen :-)
Bei diesem Gedicht kam mir ganz spontan der Hans im Glück in den Sinn. Und was er hat, das will er nicht und was er will, das hat er nicht... Und so bleibt die Dankbarkeit auf der Strecke und es wird dem Glück lechzend und hechelnd hinter her gejagt! Was sind wir doch für lustige Geschöpfe :-)
Auch ich wünsch dir ein wundervolles, sonniges und ganz tolles Wochenende und schick dr ganz äs liäbs Grüässji üs Schaffhüse
Brigitte